Verliebt in schlechte Nachrichten?

Veröffentlicht am 24. September 2008

“Die Deutschen sind (…) in schlechte Nachrichten verliebt”, merkte einst - wenn auch in einem anderen Kontext - Peer Steinbrück im Interview mit dem Stern an und liegt damit gar nicht so falsch, wie man es vielleicht meinen mag. Schließlich ließ die ursprüngliche Pressemitteilung der Technischen Universität Chemnitz nur wenig Raum für Spekulationen oder gar Fehldarstellungen, was allerdings voraussetzt, daß dem geneigten Leser der unverfälschte Inhalt nicht vorenthalten wird. Mitunter ein schwieriges Unterfangen in der bundesdeutschen Medienlandschaft.

So verwundert es dann auch gar nicht mehr, was zum Beispiel die Münchner Abendzeitung aus der Pressemitteilung kreiert. Sie merkte zur Höhe des Hartz-IV-Satzes an:

Zwei Forscher aus Chemnitz geben jetzt einem weiteren Generalverdacht Nahrung: Daß die Hart-IV-Empfänger nämlich viel mehr Geld bekommen, als sie eigentlich brauchen. Nach ihren Berechnungen müßten 132 Euro im Monat reichen, um Gegenstände des täglichen Bedarfs zu bezahlen. Mit Verlaub: Das ist ein Witz und noch dazu ein schlechter.

Einem schlechten Witz kommt es dabei ebenso gleich, daß die Redakteure sich ganz offensichtlich nicht einmal die Mühe gemacht haben, die Veröffentlichung der TU Chemnitz zu lesen. Und dabei hat man es schon den überforderten Redakteuren und Redakteurinnen leicht gemacht und das primäre Ergebnis der Studie unmißverständlich auf zwei Punkte gebracht:

- Die Hartz-IV-Gelder sind nicht zu niedrig, sondern eher zu hoch.

- Als sozial gerecht wird das System nicht empfunden, weil es die Bedürftigen einseitig mit Geld abspeist und ihnen das vorenthält, was vielen sehr wichtig ist: Arbeit und Anerkennung.

Wobei zum ersten Punkt anzumerken ist, daß sich dieser auf die Kernfragen der Studie bezieht:

Bekommen Sozialleistungsempfänger zu viel oder zu wenig Geld? 2006 waren 150.000 Verfahren vor Sozialgerichten wegen zu niedriger Sozialleistungen anhängig. Besonders erbost sind viele Deutsche über die Hartz-IV-Regelungen. Rund 350 Euro zuzüglich Wohngeld bekommt jeder, der sonst kein Einkommen hat, nach diesen Regeln. Ist das zu viel oder zu wenig? Sind diese Regelungen gerecht oder ungerecht? Sind sie vernünftig oder unvernünftig? (…)

Offensichtlich schon wieder zu viel Text für so manchen Schreibtischakrobaten. Da verwundert es auch kaum, daß ausgerechnet große Tages- und Wochenzeitungen auf diesen Zug aufspringen. Liefern doch derartige Studien eine Steilvorlage für Boulevards der übelsten Sorte. Die Rede ist gar von geforderten Radikalkürzungen des Hartz-IV-Regelsatzes seitens der Initiatoren der Studie, woraufhin sich letztendlich die Herausgeber der Studie auch dazu veranlaßt sahen, eine Präambel zu verfassen und diese an die eigentliche Studie anzuhängen.

Vielleicht in Hoffnung darauf, daß zukünftige Medienmitteilungen sich nicht mehr der Götzenbildung bekannter Klischees bedienen. Nur leider muß derweil die SPD und dessen parteipolitisches Kasperletheater vielmehr in den Fokus der Öffentlichkeit gepreßt werden, sodaß man es versäumte, eine Richtigstellung auch nur im Ansatz zu veröffentlichen. Daß allerdings auch die Bundeskanzlerin auf solche Bauernfängerei anspringt, läßt stark an ihrer Integrität zweifeln. Schließlich sollte Frau Merkel besser wissen, wozu die “vierte Gewalt” in der Bundesrepublik imstande ist. Falls nicht, ist sie nur eine bedauerliche Schachfigur in diesem Land.





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