Schulpolitik mit dem Nürnberger Trichter:
Kein Sitzenbleiben mehr

Veröffentlicht am 12. Juni 2008

Warum ist früher keiner darauf gekommen? Wenn zu viele Schüler “sitzenbleiben”, verbessert man nicht etwa das Bildungssystem, sondern schafft das Sitzenbleiben als solches einfach ab. Vorreiter dieser genialen Problemlösung sind Berlin und Hamburg. In der Hansestadt einigte sich die schwarz-grüne Koalition dieser Tage darauf, daß Schüler, die es erst einmal bis ans Gymnasium geschafft haben, bis zur zehnten Klasse nicht mehr “sitzenbleiben” sollen. In Berlin geht man sogar noch weiter. Dort soll es eine Gesetzesänderung Schulen jetzt grundsätzlich ermöglichen, bis zur achten Jahrgangsstufe auf Noten zu verzichten. Und wer nicht (schlecht) benotet wird, der kann auch nicht sitzenbleiben. Da will Bayern nicht hinterwäldlerisch erscheinen. Im Januar verschickte das Münchner Kultusministerium an alle Schulleiter eine E-Mail, in der darum gebeten wird, auf “Schulen, die auffallend hohe Quoten von Schulabgängern und Wiederholern aufweisen, zuzugehen, um sie gezielt zu beraten”.

Der Hintergrund der Kampagne ist klar: Wiederholer kosten Geld, weil sie dem Staat länger auf der Tasche liegen. Billiger ist es, auch schlechte Schüler einfach durchzuwinken - notfalls, indem einfach besser benotet wird. Entsprechende Anweisungen ihrer Schulleiter kennen Lehrer inzwischen sogar im angeblich “konservativen” Bayern.

Tatsächlich fallen an deutschen Schulen immer weniger Schüler durch. Im Jahr 2000 waren es bundesweit noch 3,2 Prozent aller Gymnasiasten, die eine Klasse wiederholen mußten. Im vergangenen Schuljahr 2006/2007 nur noch 2,4 Prozent.

Offenbar gibt es ihn doch - den sprichwörtlichen “Nürnberger Trichter”. Die Vorstellung, Bildung und Klugheit ohne Aufwand und Anstrengung in die Köpfe füllen zu können, beflügelt seit bald 400 Jahren deutsche Reformpädagogen. So wurde die Zahl der Abiturienten und Hochschüler gewaltig gesteigert - und gleichzeitig dafür gesorgt, daß das Niveau nicht minder deutlich sinkt.


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