Dresden: Die Toten mahnen uns zu Frieden und Freiheit

Veröffentlicht am 14. Februar 2008

Zum diesjährigen Trauermarsch am 13. Februar kamen 1000 Personen in der Dresdner Innenstadt zusammen. Zehn Jahre, nachdem sich zum ersten Mal junge Deutsche in Dresden versammelten, um der Opfer der alliierten Bomberangriffe auf die Stadt vom 13. und 14. Februar 1945 zu gedenken, sind die alljährlich stattfindenden Trauermärsche und Erinnerungsveranstaltungen zu einer festen Institution geworden. Sie sorgen dafür, daß Medien und Politik alljährlich gezwungen sind, sich mit diesem singulären Kriegsverbrechen, das man ansonsten nur allzu gerne unter den Teppich kehren würde, zu befassen. Dieses Jahr werden in Dresden sogar zwei Trauermärsche veranstaltet. Da gibt es zum einen die Veranstaltung am Samstag, den 16. Februar, die vor allem für diejenigen gedacht ist, die von weiter her kommen, und deswegen nur an einem Wochenende in die sächsische Landeshauptstadt kommen können. Dann gab es zum anderen einen Trauermarsch unter der Woche am Jahrestag des Beginns der alliierten Bomberangriffe auf Dresden, der am gestrigen 13. Februar 2008 stattfand und vom “Aktionsbündnis Gegen das Vergessen“ veranstaltet wurde. Wie schon in den letzten Jahren traf man sich vor dem Zwingerteich. Der NPD-Kreisvorsitzende Jens Baur sagte zu Beginn der Veranstaltung, daß die Stadt Dresden jedes Jahr aufs Neue „ein Trauerspiel“ erlebe. Damit meine er nicht “den würdevollen Trauermarsch”, sondern “den Umgang der Stadtverwaltung mit dem Datum 13. Februar und den schrecklichen Geschehnissen des Jahres 1945“. Statt als Mahner für den Frieden die Bombenangriffe auf eine wehrlose Stadt zu verurteilen, würden die Ereignisse geradezu “ad absurdum“ geführt, indem man den Deutschen verübele, sich auch am Luftkrieg beteiligt zu haben. “Auf den Gedanken, daß es einen Unterschied macht, ob man mit ein paar Flugzeugen kriegswichtige Industrieanlagen bombardiert, oder ob man mit riesigen Bomberflotten ganze Städte ausradiert, scheint von unseren Stadtoberhäuptern niemand zu kommen.“ Auch der von der Stadt herausgegebene Leitfaden „Ein Rahmen für das Erinnern“ enthalte keinen Hinweis auf die Völkerrechtswidrigkeit der Angriffe. Dies sei kein “Erinnern an die Opfer“, sondern eine “Verhöhnung der Opfer“. Baur kritisierte auch die Dresdner Historikerkommission zur Untersuchung des Angriffs als politisch voreingenommen. Deshalb werde diese auch “keinen Schlußstrich unter die Diskussion über die Höhe der Opferzahlen ziehen“ können. Baur endete seine Ansprache mit den Worten: “Die Toten mahnen uns zu Frieden und Freiheit“. Diese Losung ist auch auf dem Transparent des Kreisverbandes Dresden zu lesen, das alljährlich zu den Trauermärschen mitgeführt wird.

Maik Müller vom “Aktionsbündnis Gegen das Vergessen“ betonte in seiner Ansprache die Wichtigkeit eines würdevollen Erinnerns. Ganz besonders erfreulich sei es, daß es sich dieses Jahr eine Gruppe aus Spanien nicht hätte nehmen lassen, den Opfern der alliierten Bombenangriffe zu gedenken.

Eindrucksvolles Bild des stillen Gedenkens

Gegen 20 Uhr 30 setzte sich der Trauerzug in Bewegung, der auch dieses Jahr mit seinen Transparenten und der Vielzahl an schwarzen und Länderfahnen ein eindrucksvolles Bild des stillen Gedenkens bot. Vielleicht muß man diesen Trauerzug einmal mit eigenen Augen gesehen haben, um zu ermessen, wie absurd und rechtsverachtend das Ansinnen des sächsischen Justizministers Geert Mackenroth ist, solche Trauerveranstaltungen mit Hilfe eines neuen sächsischen Versammlungsgesetzes in Zukunft verbieten zu können.

Schließlich bekunden die von den Mitgliederndes Trauermarschs mitgeführten Plakate und Transparente das, was die Bewohner der Elbmetropole genauso empfinden: Nie wieder Krieg, nie wieder Bombenterror und das trauernde Gedenken an die zigtausend Toten des alliierten Bombenangriffs, der das alte Dresden vor 63 Jahren - wenige Wochen vor Kriegsende - sinnlos in Schutt und Asche versinken ließ.

Leider gibt es auch Dresdner, die nicht nur an diesem Gedenken nicht teilhaben, sondern es auf makaberste Weise stören wollen. Dies wurde auch am Ende des diesjährigen Trauermarsches wieder deutlich. Als sich die Trauermarschteilnehmer vor dem Dresdner Rathaus versammelt hatten, setzten plötzlich laute, fröhliche Tangorhythmen und lärmende Gesinnungslyrik von Konstantin Wecker ein – ausgerechnet in dem Moment, in dem die Glocken der Dresdner Kirchen zu läuten begannen und vor 63 Jahren über Dresden die Hölle losbrach und die Bomberangriffe begannen. Urheber der Störung der Totenruhe war die Dresdner Stadtratsfraktion der “Grünen“, aus deren Räumen die laute Musik erklang. Der Abschlußredner Dr. Olaf Rose fand die richtigen Worte auf die Provokation der vermeintlich bürgerbewegten und humanistischen “Grünen“ und sagte, daß die Dresdner nun selber sehen könnten, wer sich auf unglaubliche Art und Weise gegen jede Form der Trauer und Erinnerung vergehe, und wer versuche, die Würde der Opfer zu schützen.

Schon zuvor hatte Rose erklärt:

Wie schon seit Jahren, so wollen wir auch heute der ungezählten Tausenden von Dresdnern und Flüchtlingen, die in der Brandhölle des 13. Februars 1945 unter entsetzlichen Qualen ihr Leben lassen mußten, in Trauer gedenken. Wie schon seit Jahren, so sind wir auch diesmal nicht bereit, unsere aufrichtige Trauer als rechtsradikale Vereinnahmung eines sensiblen Datums verunglimpfen zu lassen…Man wirft uns fälschlicherweise vor, diesen Tag der Trauer politisch zu instrumentalisieren. Dies ist falsch. Man hat uns gezwungen, den deutschen Opfern, den Dresdnern, durch unseren Trauermarsch Präsenz und Gehör zu verleihen, da die etablierten Parteien um alles trauern, Gedenktage einführen und parlamentarische Sondersitzungen durchführen, nur für die deutschen Opfer haben sie bislang keine ebenbürtige “Erinnerungskultur” wie dies neudeutsch so schön heißt, aufbringen können. Solange also, bis der deutschen Opfer endlich von offizieller Seite angemessen und respektvoll gedacht wird, solange werden wir den Trauermarsch in Dresden durchführen.

Neue Bewertung durch Anthony Grayling und Lothar Fritze

Weiter kam Rose auf neuere historische Erkenntnisse zum Luftkrieg gegen Deutschland und den Angriff auf Dresden zu sprechen. Rose erwähnte den Londoner Philosophen und Historiker Anthony Grayling, der im vergangenen Jahr ein britisches Nachkriegstabu brach und die Strategie der gezielten, massenhaften Ermordung deutscher Zivilisten durch die britische Luftwaffe ein Verbrechen, ein Kriegsverbrechen und einen Akt der Barbarei nannte. Grayling betonte vor allem, daß das Argument der Vergeltung hinfällig sei, denn kein Verbrechen, daß die Deutschen im Zweiten Weltkrieg begangen haben, rechtfertige einen Angriff wie den auf Dresden.

Nicht weniger bedeutend für die Dresdner sei die ebenfalls im letzten Jahr erschienene Studie “Die Moral des Bombenterrors. Alliierte Flächenbombardements im Zweiten Weltkrieg” des hier am Hannah-Arendt-Institut lehrenden Politikwissenschaftlers Lothar Fritze gewesen. In diesem Buch sei Fritze nach einer umfangreichen Untersuchung des Völkerrechts, des Kriegsvölkerrechts zu Beginn des Zweiten Weltkrieges und der geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze und Regeln der Kriegsführung zu der eindeutigen Schlußfolgerung gekommen, daß der strategische Bombenkrieg gegen die Zivilbevölkerung von Anfang an völkerrechtlich unzulässig war.

Der Trauermarsch wurde mit einer Gedenkminute für die Opfer des Angriffs auf Dresden beendet.

Hohe Teilnehmerzahl

Eine kleine Sensation war die diesjährige Teilnehmerzahl. Obwohl in der Wochenmitte und vor dem großen Trauermarsch am 16. Februar gelegen, trafen sich dieses Jahr am 13. Februar 1000 Personen zu der Gedenkveranstaltung. Im Vorfeld waren die Veranstalter von einer Teilnehmerzahl von 200 bis 300 Personen ausgegangen. Die vierstellige Teilnehmerzahl ist ein weiterer Beleg für das hohe Bedürfnis vieler Bürger, auch am 13. Februar selbst ihrer Trauer Ausdruck zu verleihen und ein weiteres Argument gegen das skandalöse Versammlungsgesetz, das die Staatsregierung plant.

14. Februar 2008
Arne Schimmer





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