Harald Neubauer: Gerhard und Geert
Veröffentlicht am 12. Mai 2007
Vor einigen Jahren war Geert Mackenroth Vorsitzender des Deutschen Richterbundes. Als solcher warb er in Interviews für die Wiedereinführung der Folter. Sie sei beispielsweise “vorstellbar”, um Terrorverdächtige gesprächig zu machen. Mackenroth wurde daraufhin allerdings nicht Gefängnisdirektor in Abu Ghraib oder Guantanamo, sondern Landesjustizminister von Sachsen. Wohl weil ihm dort niemand Daumenschrauben und Streckbänke zur Verfügung stellt, werkelt der CDU-Mann unter dem Motto “Pleiten, Pech und Pannen” glücklos vor sich hin. Im Fall des 13jährigen Vergewaltigungsopfers Stephanie warfen ihm jüngst sogar eigene Parteifreunde schwere Versäumnisse vor.
Mackenroth steht also gewaltig unter Druck. Anstatt sich nun aber auf seine eigentlichen Aufgaben zu konzentrieren, blättert er wieder einmal im “Hexenhammer”, dem mittelalterlichen Handbuch für Inquisitoren und Geisterjäger. Wenn es schon nicht gelungen ist, in der Folter-Frage die europäische Menschenrechtskonvention auszuhebeln, muß doch wenigstens das deutsche Grundgesetz zu schleifen sein. Mackenroth will in Sachsen die Versammlungsfreiheit weitgehend suspendieren. Bürger, die aus seiner Sicht im Verdacht des “Rechtsextremismus” stehen, sollen zwar nicht gleich gefoltert werden, aber an bestimmten Tagen und Orten nicht mehr demonstrieren dürfen. So sieht es der Entwurf eines neuen Sächsischen Versammlungsgesetzes vor - als Pilotprojekt für ganz Deutschland.
Am meisten stört es Mackenroth, daß deutsche Patrioten alljährlich in Dresden der Opfer des anglo-amerikanischen Bombenangriffs gedenken. Dieser traditionelle Trauermarsch im Februar müsse künftig von den Behörden verboten werden. Denn: “Wer nur gegen den ‚alliierten Bombenterror’ demonstriert und zugleich die Verantwortung der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft für den Zweiten Weltkrieg verharmlost, verfälscht die Geschichte und verletzt die Opfer.”
In Wirklichkeit wird die Würde der Opfer dadurch verletzt, daß man sie mit solchen Erklärungen zu Abfallprodukten der NS-Herrschaft degradiert. Jedes Verbrechen steht für sich selber und bleibt in der Verantwortung der Täter. Das gilt hüben wie drüben. Kein Engländer ließe sich vorschreiben, der eigenen Opfer nur noch zu gedenken, wenn zugleich auf Churchills Untaten und die englische Kriegserklärung an Deutschland verwiesen wird. Auch in Rußland wirft man Blumen auf die Kriegsgräber, ohne sich Stalins zu grämen. Das Aufrechnen und Relativieren ist ein Privileg bundesdeutscher Moral-Akrobaten.
Mackenroth sieht im Dresdener Trauerzug einen “Mißbrauch des Demonstrationsrechtes”. Der angebliche Mißbrauch liegt allein darin, daß es sich um Bürger handelt, die der rechten Opposition zugerechnet werden. Jene Demonstranten sind absolut friedlich, folgen den Anweisungen der Polizei und lassen sich auch durch behördliche Auflagen-Willkür nicht provozieren. Gewalt geht ausschließlich von linken Störern aus. Auf deren Transparenten wird gefordert: “Bomber-Harris, do it again!” Daran stört sich die Obrigkeit nicht.
Die zumeist jungen Deutschen, die in Dresden der Bombenopfer gedenken, haben mit dem Dritten Reich nichts zu tun. Mackenroth bezeichnet ihre Trauer gleichwohl als “braunen Unfug”. Wer nach 1945 Geborene derart denunziert und ihnen die Bilanz verstorbener Generationen sippenhaftungsgleich um die Ohren schlägt, hat gewiß auch nichts dagegen, wenn sein eigener Stammbaum ein wenig beleuchtet wird: Professor Gerhard Mackenroth, der Vater des sächsischen Justizministers, war führender Bevölkerungswissenschaftler des Dritten Reiches, Mitglied der NSDAP und SA. Schon 1933 hatte er ein Bekenntnis deutscher Hochschullehrer zu Adolf Hitler unterzeichnet.
Sohn Geert spricht ungern darüber. In seinen meist abstrakten Reden über die damalige Zeit kommen allenfalls die Väter anderer Leute vor und am liebsten ein anonymes NS-Kollektiv. Darin lassen sich individuelle Tatbeiträge und familiäre Unterschiede wunderbar verstecken. Auch Bischof Wolfgang Huber schob bei seinem jüngsten Besuch in Jerusalem lieber “den” Christen die Holocaust-Mitschuld zu, anstatt über seinen Vater zu reden. Der bildete zusammen mit Gerhard Mackenroth an der NS-Reichsuniversität Straßburg braunen Politologen-Nachwuchs aus. Versammlungsfreiheit stand nicht auf dem Stundenplan.
Die Söhne haben von ihren Vätern zumindest die Anpassungsfähigkeit geerbt - und den Ehrgeiz, den jeweiligen Zeitgeist besonders rücksichtslos zu vollstrecken. Um so besser, wenn man dabei an alte Traditionen anknüpfen kann. Oder wie man so schön sagt: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.





